Logo Alsdorf (Welle)

Gemeinsame Erinnerung an das Schicksal der jüdischen Familie Keller




Wenn man so will, beginnt die ganze Geschichte schon im Jahr 1982. Damals hat Heinrich Plum in einer Kiste gestöbert, in der seine Familie alte Briefe und Fotos aufbewahrte. Auch einen Luftpostbrief aus Israel fand er darin. Den hatte eine Jenny Levy geschrieben, deren Namen er zuvor nicht kannte. Die Mutter kannte ihn jedoch gut, „sie bezeichnete diese Frau sogar als alte Freundin“. Es sei die Tochter einer jüdischen Familie, die einst im Haus schräg gegenüber gewohnt habe, an der Schillerstraße 119. „Viel mehr konnte oder wollte meine Mutter aber nicht sagen“, erinnert sich Heinrich Plum. Doch er erfuhr kurz darauf, dass diese Jenny Levy einst Änni Keller hieß, und mit ihren Eltern und vier Geschwistern in Hoengen lebte. Bis zu den Schrecken des NS-Regimes, das ein Sohn und eine Tochter der Familie Keller den Tod im Konzentrationslager brachte. Viele dieser schrecklichen Ereignisse lernte Heinrich Plum auch durch Änni Keller selbst kennen, denn er schrieb ihr einen Brief und erhielt Antwort. Und nicht nur eine. „Wir haben gut zehn Jahre lang eine intensive Brieffreundschaft gepflegt“, erinnert sich Plum. So erfuhr er unter anderem auch, dass ihr Bruder Ernst Keller vor den Nazis zunächst nach Kerkrade fliehen konnte und dort den Krieg überlebte. Später zog er in die USA - und von dort kam nun erstmals Besuch nach Alsdorf: seine Tochter Evie Keller-Shvetz. Schülerinnen und Schüler des Berufskollegs Herzogenrath hatten für die Holocaust-Gedenkausstellung „We, the six million“ das Leben von Ernst Keller recherchiert und waren dabei auf die Nachfahrin gestoßen. „Sie haben sie nach Herzogenrath eingeladen und sie hat gleich gesagt, dass sie dann auch Alsdorf besuchen müsse, um sich einmal das Haus ihrer Großeltern anzuschauen.“ Dieses Haus sei von seiner Grundstruktur kaum verändert, „vieles sieht immer noch so aus wie es damals ausgesehen haben muss“. Nur das ehemalige Reklameschild, das einst auf die koschere Schlachterei der Familie Keller hingewiesen hat, gibt es nicht mehr. Den Krieg hatte es zwar lange überdauert, doch als das Haus später von der heute darin lebenden Familie Grunewald gekauft wurde, musste die Fassade gedämmt und neu verputzt werden. „Die Familie regte aber an, stattdessen mit Stolpersteinen vorm Haus an die Schicksale der Kellers zu erinnern“, sagt Plum. Stolpersteine, wie sie mittlerweile an mehreren Stellen auch in Alsdorf vor Gebäuden liegen, in denen vor dem Regime der Nazis jüdische Menschen lebten.

Ernst Keller
Ernst Keller

Mit ihrem Mann Fred Shvetz und der Tochter Elizabeth Shvetz-Lowy kam die Nachfahrin der Familie Keller nun nach Hoengen. „Es war sehr emotional“, sagt Heinrich Plum. „Wir haben uns gemeinsam mit der Familie Grunewald das Haus der Großeltern angeschaut und haben den Gedenkstein der ehemaligen Hoengener Synagoge besucht“. Auch das Straßenschild der Tante hat die Familie Shvetz-Lovy gesehen, denn an Änni Keller erinnert in Hoengen heute ein Straßenname. Und an den Besuch erinnert in Alsdorf nun ebenfalls ein Eintrag in das städtische Gästebuch, das der stellvertretende Bürgermeister Friedhelm Krämer zum Ortsbesuch in Hoengen mitgebracht hatte. „Es war für alle Beteiligten bewegend, in diese Vergangenheit hier vor Ort, in meiner direkten Nachbarschaft einzutauchen“, sagt Heinrich Plum. Eine, die für ihn mit dem Stöbern in der Kiste im Jahr 1982 begann.

(apa 14.11.2022)
© Stadt Alsdorf